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UTOPIA KOMMUNIKATION

Symposion Wien Bratislava
KUNST IM SCHATTEN?
Kulturaustausch mit Hindernissen...
Donnerstag, 24.10.2002, WUK/Museumsräume, Wien 2002
IG Kultur Wien

UTOPIA KOMMUNIKATION
oder die Sehnsucht nach Exotik

Caroline Fekete-Kaiser,
KulturAXE, transnationale Kommunikation & Kunstaktion

Thema ist der kulturelle Kommunikationsfluss innerhalb Europas, in dem sich die Begriffe Ost und West zunehmend über die Vorsilbe 'ehemals' definieren - illustriert an Wien und Bratislava, zwei Städten, die sich so nah sind, dass ein Fahrradweg sie verbindet, und so fern, dass es darüber dieses Symposion gibt.

Das Thema möchte ich mit Fragen beantworten, über Exotik, Netzwerke, Rhizome, über Allianzen und Unsichtbarkeiten. Sowie die Erfahrungen einbringen aus unseren Kunst- und Kulturprojekten, die direkt nach der Wende 1989 in Wien und Bratislava begonnen haben, und die zur Gründung des Vereins KulturAXE,  transnationale Kommunikation & Kunstaktion, geführt haben.

Zur Titelfrage: Braucht es Exotik als Würze in der Wahrnehmungsmaschinerie des westzentrierten Kunstblicks? Sind wir uns tatsächlich nicht exotisch genug, um uns wiederum interessant zu finden? Tatsache ist, dass zeitgenössische Kunst aus Osteuropa großteils in westlichen Nationen unsichtbar ist, ein Phänomen, das der Philosoph und ehemalige Rektor der Kunstakademie in Wien, Boris Groys, auf den 'westlichen' Blick zurückführt, ein Blick, der die Kunst der ehemaligen kommunistischen Länder nach eigenen Wahrnehmungsmustern erfasst und dementsprechend bewertet als:„... nicht-innovativ, nicht anders genug, nicht exotisch genug.” Mit der Folgerung der entsprechenden Unterrepräsentanz in musealen Kunstsammlungen (1) und in zentralistischen Mega Events, wie der Documenta, die heutige Kunstgeschichte schreiben. Catherine David, künstlerische Leiterin der Documenta X, schloss mit der o.a. Begründung fast das ganze östliche Europa aus ihrer Auswahl aus (2). Auch unter Okwui Enwezor, Leiter der diesjährigen Documenta XI, erlebte die Repräsentation der Kunst aus Osteuropa keine wirkliche Hochblüte.

Vor 12 Jahren, nach der sanften Wende 1989, herrschte allerdings Euphorie zwischen Wien und Bratislava. 'Wir heißen die Friedensboten willkommen', so begrüßte seinerzeit der slowakische Kulturminister, Doz. Chudik, die österreichischen KünstlerInnen bei ihrer großen Schau QUERDURCH in Bratislava, und die österreichische Bundesministerin für Unterricht und Kunst erwiderte, dass nunmehr die äußeren und inneren Grenzen gefallen wären, und dass die Neugier und Freude am gegenseitigen Wieder Kennen Lernen unermesslich groß wäre. (3)

Vielleicht liegt es ja doch nicht nur am Exotik Faktor, dass die zuvor zitierte unermessliche Freude des Wieder Kennen Lernens sich über die Jahre doch nicht so manifestierte, sondern neben politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, sowie den Zeitkategorien im sozio-ökonomichen Transformationsprozess der Reformländer (4), auch einfach an der Bereitschaft zu einem offenen, gleichberechtigten und von gegenseitiger Inspiration getragenen Dialog.

Eine Inspiration gezeichnet von einer neuen Vielschichtigkeit, von einer Erweiterung der Denk-Kategorien über künstlerischer Prozesse, statt einer Einengung auf west-zentrierte Sichtweisen. Denn spannend wird ein Austausch erst, wenn man sich auf die unter-schiedlichen Referenz-Systeme einlässt. Inke Arns, Berlin, zitiert in ihrem Vortrag über Avantgarde in Rückspiegel die These „dass eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Avantgarde in Osteuropa - im Gegensatz zum Westen - nie nur mit der Form, sondern vor allem mit den ethischen und gesellschaftspolitischen Prinzipien der Avantgarde-Künstler stattfindet. (5) Kazimir Malevic gilt hier nicht nur als Begründer der formalen Abstraktion, sondern auch als Begründer eines umfassenden, totalen Denksystems.” Lev Manovich untersucht in seinem Text 'Russian New Media' (6) die eigenen Zugangsweisen russischer Künstler zu den neuen Medien und fragt sich am Ende, ob Russland es schaffen wird, den Vormarsch von Bill Gates' ästhetischem Imperialismus zu stoppen.

Unsere Kulturarbeit im österreichisch slowakischem Raum hat direkt nach der sanften Wende 1989 begonnen, eine Wende, die maßgeblich von Künstlern gestaltet und getragen wurde. Wenn QUERDURCH die erste große Schau österreichischer Künstler in der Slowakei nach der Wende war, so war unsere 3 Stationen Schau KOSICE BRATISLAVA WIEN die erste gemeinsame Präsentation österreichischer und slowakischer Künstler nach 89. Und genau diesen Weg der Gegenseitigkeit, des Dialogs, der offenen spontanen Sprache, den wir von Anfang an gewählt haben, verfolgen wir auch als KulturAXE weiter.

1991 folgte unsere nächste Ausstellung im Palais Mirbach, der Galerie der Stadt Bratislava, mit dem Titel DIAGONALE als Brückenschlag zwischen verschiedenen Generationen und Kulturen. In diesem Jahr fand auch das erste Sommersymposium in der Slowakei statt - ein Projekt, das sich mittlerweilen zu einer Kommunikationsplattform mit weltweiten Kontakten entwickelt hat.

KulturAXE wurde von KünstlerInnen aus Österreich, Slowakei und USA gegründet und ist ein Forum für Kommunikation, interdisziplinäre und experimentelle künstlerische Zugänge mit Sitz in Wien. Die Veranstaltungen fanden in Österreich, Slowakei, Ungarn und Italien statt mit Partnern aus Europa und außer-europäischen Nationen. An den Sommersymposien in der Slowakei und Ungarn haben rund 650 TeilnehmerInnen aus allen Kontinenten teilgenommen sowie 105 StipendiatInnen, davon 80 aus Osteuropa.

Die Achsen Wien-Bratislava oder Johannesburg-Wien sind ebenso Programm der KulturAXE, wie die Achsen im unmittelbaren Stadtraum, zu anderen KünstlerInnen, Ateliers, Kunstinstitutionen. Die Projekte und Aktivitäten von KulturAXE waren und sind auf grenzüberschreitende Kommunikation ausgerichtet, auf Begegnungen, Kooperationen zwischen Nationen, Disziplinen, Generationen.

Netzwerke, Knotenpunkte, Rhizome

Sind Achsen, Allianzen, Netzwerke die Instrumente und Strategien um die Utopie Kommunikation zu leben? Oder sind Netzwerke wieder geschlossene Universen der Informationseliten, auch in der Kunst?

Immerhin gibt es geglückte Allianzen und Netzwerke, die gemeinsame Projekte und Kooperationen ermöglichen und welche die überholten Ost/West Kategorisierungen mit neuen Europa Modellen ersetzen. Als solche Allianz und Netzwerk wurde 1995 die V2_East / Syndicate Initiative in Rotterdam gegründet, als Ost-West Kooperations-Idee; die Syndicate Mailingliste eingesetzt für einen kontinuierlichen Austausch über bevorstehende Veranstaltungen, Ideen und kollaborative Projekte. Dabei, so Florian Schneider, in seinem Essay „Balkanien” - Land ohne Grenzen, Künstlernetzwerke: „...kristallisieren sich in internationalen Communities wie der Mailingliste von Syndicate bereits Formen von Kooperation und Translokalität heraus, deren Fundament gegenseitiger Respekt ist und die auf ein anderes Europa verweisen, das so etwas wie das Gegenmodell zum Club der Schengenstaaten sein dürfte und eben nicht durch seine inneren oder äußeren Grenzen abgesteckt sein wird” (7)

1997 wurde auf der Documenta X vom Syndicate Netzwerk 'Deep Europe' ausgerufen, eine Metapher, die der bulgarische Künstler Luchezar Boyadijev definierte als: „Europe is deepest where there are a lot of overlapping identities.” (8) Für ein neues Verständnis der unterschiedlichen heterogenen, gleichzeitig nebeneinander existierenden kulturellen Tiefenschichten und Identitäten in Europa.

Wobei wir beim 'Rhizom' wären, ein unterirdisches Tunnelsystem, subterrane Verbindungen, ein Begriff, den sich Gilles Deleuze und Felix Guattari aus der Botanik entliehen haben (9). Merkmale des Rhizoms sind die Prinzipien der Konnexion, der Heterogenität, der Mannigfaltigkeit. Jeder Punkt eines Rhizoms kann (und muss) mit jedem anderen verbunden werden [...; ein Rhizom] verbindet unaufhörlich semiotische Kettenglieder, Machtorganisationen, Ereignisse aus Kunst, Wissenschaften und gesellschaftlichen Kämpfen.... das Rhizom ist Allianz, einzig und allein Allianz." (9)

Ein Effekt, auf den auch die heurige Europäische Biennale zeitgenössischer Kunst, der Manifesta 4, nicht verzichten wollte: das Projekt sollte, laut Pressetext, rhizomatische Strukturen entfalten, die ein Projekt mit einem anderen, eine Gruppe mit einer anderen und beide wiederum mit dem physischen Ort verbinden können.

Ist also vielleicht das Rhizom die Lösung für einen regen Austausch über die Grenzen hinaus, trotz Sehnsucht nach Exotik?

Auf alle Fälle, sehen die Tendenzen für einen verstärkten Austausch positiv aus, und ich schließe mich diesem Optimismus an. Boris Groys wird ab 2003 in Sachen 'The post-communist condition' unterwegs sein, einem Projekt zur Präsentation und Dokumentation aktueller Kunst aus Osteuropa (10), in diesen Tagen stellen die StudentInnen der Kunstakademie aus Bratislava mit den StudentInnen der Angewandten Wien im hiesigen Parlament aus und KulturAXE bereitet eine Plattform vor, in Kooperation mit Bratislava, Budapest, Prag, Brünn für die gemeinsame Modellentwicklung einer Zelt-Struktur für Kunst, Kommunikation und Mobilität.

Zum Schluss gehen die Worte an Lisa Haskel, London, nochmals über Deep Europe:

„Not a political position, a utopia or a manifesto, but rather a digging, excavating, tunnelling process toward greater understanding and connection, ...: a collaborative process with a shared desire for making connection.”

Und zur Stärkung des Vertrauens in die Machbarkeit der Utopia Kommunikation, das Lieblingszitat von Marko Peljhan, Betreiber des Makrolab, nämlich einen Satz von Buckminster Fuller aus den 1950er Jahren: „Die Welt ist heute zu gefährlich für alles, was nicht utopisch ist.”

(1) Boris GROYS, 'Sammeln und gesammelt werden', in: Ders.,  Logik der Sammlung. Am Ende des musealen Zeitalters, München 1997, S. 46-62; hier: 57

(2) Inke ARNS: geäußert auf der Pressekonferenz vor Beginn der documenta X und während eines Besuchs von Catherine David im Hybrid WorkSpace während des Workshops „Deep Europe” am 1. August 1997; vgl. Inke Arns, 'Deep Europe - some personal impressions: From horizontal to vertical mapping', in: Inke Arns / Andreas Broeckmann (Hg.), Deep Europe: The 1996 - 97 edition. Selected texts from the Syndicate mailing list, Berlin, Oktober 1997 <http://colossus.v2.nl/syndicate/synr1.html>

(3) Katalog QUERDURCH, Wiener Secession, 1990 (Vorwörter, Dr. Hilde Hawlicek, Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Sport / Doz. Ladislav Chudik, Kulturminister der SSR)

(4) Raum- und Zeitkategorien im sozio-ökonomischen Transformationsprozess der Reformländer, Vorlesung, Prof.Dr. Florin Zigrai, Ost-und Südosteuropa Institut, anlässlich des KulturAXE Sommersymposiums TIME WARP 99, Schloss Topolcianky, Slowakei

(5) Inke Arns (Berlin)
Die Avantgarde im Rückspiegel: Von der Utopie unter Generalverdacht zu einem neuen Begriff des Utopischen. Zum Paradigmenwechsel der künstlerischen Avantgarderezeption in Osteuropa von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart

(6) Behind the Screen / Russian New Media, Lev Manovich, 1997

(7) translocation_new media/art
A Translocal Formation: V2_East, the Syndicate, Deep Europe [this text appeared in the ostranenie 97 catalogue] By Andreas Broeckmann

(8) Gilles DELEUZE / Felix GUATTARI,  Tausend Plateaus, S. 16, 17, 41

(9) Florian Schneider, „Balkanien” - Land ohne Grenzen, Künstlernetzwerke gegen die Logik des Krieges, Treffen in Budapest, der heimlichen Kulturhauptstadt Europas http://colossus.v2.nl/syndicate/index_frames.html

(10) Kulturstiftung des Bundes, 2002 (Regionaler Schwerpunkt Osteuropa): „Boris Groys ist Projektleiter von THE POST-COMMUNIST CONDITION, Beginn 2003. BG, Philosoph, tätig am ZKM (Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie), betont, dass die osteuropäische Kultur der Gegenwart als Passage zwischen politischen Systemen verstanden werden muss. Dabei diagnostiziert BG ein allgemeines methodisches Defizit bei der Präsentation und Dokumentation von aktueller Kunst und schlägt vor, osteuropäische Kunst exemplarisch für die Entwicklung digitaler Darstellungsformate zu erproben. Nach Stationen wie St.Petersburg, Belgrad, Ljubljana kehrt das Projekt an das ZKM zurück, wo es in einer Ausstellung und einem Online Archiv präsentiert wird.„

Caroline Fekete-Kaiser
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